NUR EINS NOCH : Markus Lörwald : Malerei Zeichnung Grafik 
Malerei      Zeichnung     Grafik

NUR EINS NOCH

Hrsg. Mike Karstens, Münster
2016

BUCH . Hardcover
128 Seiten . ISBN 978-3-9813521-5-3

Prof. Dr. Robert Fleck

VORWORT

Markus Lörwalds Werk seit 1994, das dieser Katalog in einer Auswahl, gleichwohl fast vollständig, vorstellt, zeichnet sich durch eine zunehmende Konzentration auf die Druckgrafik und ihre gleichzeitige Neuerfindung im Zeitalter digitaler Techniken aus. Darin ist dieses Werk ebenso exemplarisch wie bezüglich der in den letzten Jahren erarbeiteten Kombinationen analoger und digitaler Verfahren. Diese sind heute allenthalben in der künstlerischen Produktion anzutreffen, finden sich hier aber für den druckgrafischen Bereich geradezu als eine „Grammatik“ der Möglichkeiten dieser neuen Konstellation ausgebildet.

Der Werkverlauf der Druckgrafik von Markus Lörwald in den letzten zwanzig Jahren lässt sich auf zwei unterschiedlichen Ebenen beschreiben. Am Anfang stehen Aquatintadrucke, Mischtechniken von Serigraphie und Lithographie sowie Kaltnadeldrucke, die aus der malerischen Praxis inspiriert sind und von der Spannung unterschiedlicher farblicher Flächen untereinander sowie von ihrem Gegensatz zu jeweils gleichfalls mehrgliedrigen und aus unterschiedlichen Methoden farbloser Malerei und Zeichnung hervorgegangenen Figuren bestimmt sind. Die Spannung zwischen diesen Formelementen – oft auch ihre innere Gespanntheit, bereits meist durch eine Verbindung unterschiedlicher Techniken – macht die bleibende Expressivität dieser „frühen“ Druckgraphiken aus 2000 und den darauffolgenden Jahren aus.

Der Dialog des malerischen Blicks und einer druckgraphischen Umsetzung, die bisweilen immer komplexer, bisweilen immer großzügiger wird, bestimmt den weiteren Werkverlauf. Die Werkreihe „Magdalena’s Laundry“ von 2003/04 stellt den Höhepunkt dieser Konstellation dar. Ihre hochgradige Expressivität ist durch nichtexpressive Mittel erreicht, in der Konfrontation druckgraphisch umgesetzter, aus der Malerei erarbeiteter Konstellationen. Wiederum verbinden sich gegensätzliche Techniken in der gleichen Werkreihe, meist Carborundum und Kaltnadel, mit Aquatinta und Lithographie. Diese Werkreihe stellt den Höhepunkt des „malerischen“ Paradigmas des Künstlers im Rahmen seiner Druckgraphik dar, im Sinne von Wölfflins Begriff des „Malerischen“.

Mit der Werkreihe „Kira“ von 2004 deutet sich der Paradigmenwechsel von der malerischen zur graphisch-/druckgraphischen Auffassung des Mediums an, die heute die Position von Markus Lörwald auszeichnet. Bereits in den monochromen Hintergründen dieser Werkreihe deutet sich an, dass Graphik und Malerei hier den beständigen Dialog aus den vorhergegangenen Bilderreihen weiterführen, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. Das spezifische, nur durch druckgraphische Techniken mögliche bildnerische Denken bestimmt nun sowohl die Technik wie das Ergebnis. Die Druckgraphik emanzipiert sich exemplarisch vom Paradigma der Malerei. Man mag einwenden, dies sei in der Geschichte der modernen und postmodernen Kunst nicht zum ersten Mal der Fall. Gleichwohl muss es immer wieder neu erfunden, neu erobert werden, dass die Druckgraphik sich von der Malerei emanzipiert.

Das produktive, immer wieder erneuerte Spannungsverhältnis zwischen druckgraphischem und malerischem Denken durchzieht auch das Werk ab 2004. Es bringt Serien hervor, die auf den ersten Blick vornehmlich druckgraphisch gedacht sind wie „Traum und Lüge“ aus 2008 – wo der Dialog mit dem Malerischen für den Betrachter erst auf den zweiten Blick erscheint –, bzw. sehr gegensätzliche Bildreihen wie „Weiße Nächte“ von 2009, in deren visueller Weite das malerische Bilddenken anscheinend Oberhand gewinnt, aber wiederum vom Druckgraphischen her gedacht ist.

Anschließend wurden diese Werkreihen in freier Weise wieder aufgegriffen, wobei die Holzschnittfolge „Vertigo“ von 2014, auf karbonisierten Filz gedruckt, das neue Paradigma, in dem die Drucktechnik die Bildtechnik hervorbringt und nicht umgekehrt, beispielhaft zusammenfasst.

Der zweite Gesichtspunkt auf dieses Werk besteht in der Verbindung von analogen und digitalen Verfahren. Auch in dieser Hinsicht ist dieses druckgraphische Werk exemplarisch. Um 2011 kehrt sich die Konstellation nochmals um. Digitale Vorlagen dringen in die analogen Verfahren ein, kehren sie zunehmend um, bis sich das Kräfteverhältnis insgesamt wandelt. Mit der 2014 auf karbonisierten Filz gedruckten „Vertigo“-Serie finden sich eine neu konzipierte druckgraphische Technik, der Dialog des analogen und des digitalen Bildentwurfs, sowie die Rückgewinnung des unmittelbaren Bilderlebnisses in den Drucken auf Filzstoffbahnen vereint.

Das neuere Werk von Markus Lörwald, das diese Publikation zeigt, ist eine Fundgrube für neue Möglichkeiten der Druckgraphik, und zugleich ein Katalog von Hauptwerken dieser neuen Möglichkeiten.